Wozu dient das Tragfähigkeitsdiagramm?
Jeder Gabelstapler hat ein Typenschild und ein Tragfähigkeitsdiagramm, oft als Lastdiagramm bezeichnet. Es gibt Auskunft darüber, wie schwer eine Last sein darf, ohne dass der Stapler nach vorn kippt. Die Angaben gelten nur für genau dieses Fahrzeug mit genau der verbauten Ausstattung.
In der Ausbildung nach DGUV Grundsatz 308-001 gehört das Lesen des Diagramms zu den Kernthemen, und in der Prüfung wird es regelmäßig abgefragt. Wenn Sie den Staplerschein machen, üben Sie genau diese Aufgaben.
Die wichtigsten Begriffe
Nenntragfähigkeit
Die Nenntragfähigkeit ist die größte Last, die der Stapler unter Normbedingungen heben darf. Sie wird in Kilogramm angegeben, zum Beispiel 2.500 kg. Diese Zahl gilt nur bei einem bestimmten Lastschwerpunktabstand und bis zu einer bestimmten Hubhöhe.
Lastschwerpunktabstand
Das ist der Abstand zwischen dem Lastschwerpunkt und der Vorderseite der Gabelzinken, gemessen an der Gabelrückseite. Bei vielen Staplern beträgt der Normwert 500 mm. Eine gleichmäßig beladene Euro-Palette von 1.200 mm Länge hat ihren Schwerpunkt etwa bei 600 mm, wenn Sie sie mit dem Gabelrücken bündig aufnehmen. Je weiter der Schwerpunkt vom Gabelrücken entfernt liegt, desto größer ist das Kippmoment.
Hubhöhe
Mit steigender Hubhöhe verlagert sich der Gesamtschwerpunkt von Stapler und Last nach oben. Der Stapler wird kippempfindlicher, vor allem bei geneigtem Mast. Deshalb sinkt die zulässige Last ab bestimmten Höhen. Das Diagramm zeigt diese Abstufungen als Kurven oder Zeilen.
Resttragfähigkeit bei Anbaugeräten
Ein Anbaugerät wie Seitenschieber, Klammer oder Drehgerät wiegt selbst und schiebt den Lastschwerpunkt nach vorn. Damit sinkt die Last, die Sie noch heben dürfen. Diesen Wert nennt man Resttragfähigkeit. Sie steht auf einem zusätzlichen Schild, das mit dem Anbaugerät angebracht sein muss. Fehlt es, darf das Gerät nicht verwendet werden.
Standdreieck und Hebelgesetz
Ein dreirädriger oder vierrädriger Stapler steht auf einer Fläche, die man Standdreieck nennt. Sie wird durch die Vorderachse und den Drehpunkt der Hinterachse gebildet. Solange der gemeinsame Schwerpunkt von Fahrzeug und Last innerhalb dieses Dreiecks bleibt, steht der Stapler sicher.
Die Vorderachse wirkt dabei als Kippkante. Es gilt das Hebelgesetz: Last mal Lastabstand muss kleiner bleiben als Eigengewicht des Staplers mal dessen Hebelarm. Wird die Last schwerer oder liegt ihr Schwerpunkt weiter vorn, wächst das Kippmoment. Beim Heben nach oben und bei Kurvenfahrt wandert der Schwerpunkt zusätzlich aus dem sicheren Bereich.
Zwei Rechenbeispiele
Die folgenden Werte sind fiktiv und dienen nur zur Veranschaulichung. Maßgeblich ist immer das Diagramm Ihres Fahrzeugs. Die Näherung über das Hebelgesetz zeigt die Größenordnung, sie ersetzt nicht das Herstellerdiagramm.
| Beispiel 1: größerer Lastschwerpunkt | Beispiel 2: Anbaugerät | |
|---|---|---|
| Nenntragfähigkeit | 2.000 kg bei 500 mm | 3.000 kg bei 500 mm |
| Besonderheit | Last mit Schwerpunkt bei 600 mm | Seitenschieber mit Eigengewicht und Schwerpunktverschiebung |
| Rechnung | 2.000 kg × 500 mm ÷ 600 mm | Wert vom Zusatzschild ablesen |
| Ergebnis | ca. 1.667 kg zulässig | z. B. 2.400 kg Resttragfähigkeit laut Schild |
| Folge | Eine 1.800-kg-Last darf nicht gehoben werden | Eine 2.600-kg-Last darf nicht gehoben werden |
Im ersten Beispiel sehen Sie, wie wenig 100 mm mehr Lastabstand bewirken: Aus 2.000 kg werden rund 1.667 kg. Im zweiten Beispiel verliert der Stapler durch das Anbaugerät 600 kg an Tragfähigkeit, obwohl das Gerät selbst nur einen Teil davon wiegt.
So lesen Sie das Diagramm Schritt für Schritt
- Ermitteln Sie das Gewicht der Last, etwa aus Lieferschein oder Beschriftung.
- Schätzen Sie den Lastschwerpunktabstand ab. Bei unregelmäßigen Lasten ist er größer als bei gleichmäßigen.
- Bestimmen Sie die gewünschte Hubhöhe.
- Suchen Sie im Diagramm den Schnittpunkt aus Lastabstand und Hubhöhe und lesen Sie die zulässige Last ab.
- Prüfen Sie, ob ein Anbaugerät verbaut ist, und nutzen Sie dann das zugehörige Zusatzschild.
- Ist die tatsächliche Last schwerer als der Wert, heben Sie nicht. Teilen Sie die Last oder wählen Sie einen stärkeren Stapler.
Typische Fehler
- Die Nenntragfähigkeit wird für jede Situation als gültig angenommen, obwohl sie nur bei 500 mm Lastabstand und niedriger Hubhöhe gilt.
- Das Anbaugerät wird verwendet, aber das Zusatzschild mit der Resttragfähigkeit wird ignoriert.
- Die Last wird nicht bis an den Gabelrücken geschoben, der Schwerpunkt liegt weiter vorn als gedacht.
- Das Gewicht der Last wird geschätzt statt nachgesehen.
- Mit angehobener Last wird gefahren, gelenkt oder der Mast weit nach vorn geneigt.
- Ein Diagramm eines anderen Staplers wird verwendet, etwa beim Wechsel zwischen Fahrzeugen.
Wie das Thema in Kurs und Prüfung vorkommt
Im Online-Kurs von Staplerschule1 ist das Thema Standsicherheit und Tragfähigkeit Teil der 13 Theoriekapitel. Mit Quizfragen können Sie das Ablesen üben, bevor Sie die theoretische Prüfung online ablegen. Am Praxistag in Frankfurt am Main wenden Sie das Wissen beim Aufnehmen und Transportieren von Lasten an. Sehen Sie sich den Ablauf an, wenn Sie wissen möchten, wie die Schritte zusammenhängen. Der Komplettpreis liegt bei 149 €, mehr dazu unter Staplerschein Kosten.
Auch nach der Ausbildung bleibt das Diagramm Ihr wichtigstes Werkzeug. Prüfen Sie bei jedem Fahrzeugwechsel, ob Schild und Ausstattung zusammenpassen. Im Zweifel gilt immer: nicht heben und nachfragen.
Praxistipps für den Alltag am Stapler
Im Arbeitsalltag zählt vor allem die Routine. Mit diesen Gewohnheiten vermeiden Sie die meisten Fehler rund um die Tragfähigkeit.
Vor der Fahrt
- Lesen Sie das Typenschild zu Beginn jeder Schicht und prüfen Sie, dass es lesbar und vollständig ist.
- Kontrollieren Sie, ob Gabelzinken, Anbaugeräte und Schilder zusammenpassen.
- Informieren Sie sich über das Gewicht der Lasten, die in der Schicht anfallen.
Beim Heben und Fahren
- Fahren Sie Lasten möglichst niedrig, knapp über dem Boden, mit leicht zurückgeneigtem Mast.
- Heben Sie nur dort an, wo der Stapler gerade steht, und nicht während der Fahrt.
- Beachten Sie Bodenneigung und Untergrund, denn auch sie verändern die Standsicherheit.
Bei Unsicherheit
Wenn Sie nicht sicher sind, ob eine Last zulässig ist, heben Sie sie nicht an. Fragen Sie den Vorgesetzten oder die Fachkraft für Arbeitssicherheit. Eine Rückfrage kostet wenige Minuten, ein Kippunfall kann schwere Folgen haben. Beachten Sie auch die Betriebsanweisung Ihres Unternehmens, sie ergänzt die Angaben auf dem Schild um betriebliche Besonderheiten.
Wenn Sie die Grundlagen strukturiert aufbauen möchten, bietet die Online-Theorie von Staplerschule1 den passenden Rahmen. Dort lernen Sie die Inhalte Schritt für Schritt und können das Wissen mit Quizfragen festigen.